Allein mit Zelt und Rucksack über 200 km auf dem Hebridean Walking Way.
- Ralph Filp

- 23. Mai 2025
- 8 Min. Lesezeit
Tag 1

Ankunft in Edinburgh. Mit dem Flugzeug von Köln/Bonn aus. Zum wiederholten Male in dieser Stadt. Ich bin nach wie vor begeistert von ihr.

Friedhöfe üben in Edinburgh eine besondere Faszination aus. Es gibt viele von ihnen in verborgenen Ecken und Winkeln der Stadt.

Kopfstein gepflasterte Gassen, graue Fassaden und bunte Häuser. Hier prallen mittelalterliches Flair und urbane Coolness aufeinander. Den Abend koste ich in einem lebhaften Pub aus.
Tag 2

Zu den Äußeren Hebriden. Nach 4 Stunden Zugfahrt, über Glasgow und durch die Highlands, geht es nun fünf Stunden lang mit der Fähre zu den Äußeren Hebriden.

Land in Sicht. Die ersten Inseln im Süden der Äußeren Hebriden tauchen sprichwörtlich aus dem Nichts auf.

Ankunft im kleinen Örtchen Castlebay auf Barra. Jetzt suche ich erst mal das Hostel, in dem ich die Nacht vor meiner Wanderung verbringen werde.

Einfach ausgestattet und gemütlich ist es hier. Und gut belegt: Wanderer, Radfahrer, jung, alt, Männer, Frauen und alle vor allem Engländer. Jetzt möchte ich mir noch in einem nahe gelegenen kleinen Shop Verpflegung für die nächsten Tage besorgen. Einem kleinen örtlichen Pub statte ich auch noch einen Besuch ab.

Ich drehe noch eine Runde und genieße die Stille und den Sonnenuntergang in der kleinen Bucht von Castlebay. Eine friedvolle Stimmung, die tief in mir wirkt und sich mit Worten nicht beschreiben lässt.
Tag 3

Die Tour beginnt.

Am Strand der kleinen Insel Vatersay wandere ich los. Es geht ab jetzt mit meinem 17kg schweren Rucksack immer nordwärts einige Tage und über 200 Kilometer lang. Das Abenteuer beginnt.

Am 12. Mai 1944 stürzte hier eine Catalina ab. Drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, sechs überlebten. Die Reste von diesem Crash liegen noch rum. Ich laufe weiter.

Ich wandere über unwegsames Gelände und Gestein. Bergauf, bergab und verlaufe mich dabei. Immer im Blick: Die Weiten des blauen Atlantiks.

Nach vier Stunden: Meine erste Rast. Das darf doch nicht wahr sein: Ich bekomme tatsächlich einen Krampf im Oberschenkel. Dabei ist das hier doch erst der Anfang. Viele Tage und Kilometer liegen noch vor mir.

Es geht weiter. Quer durch die Mitte der Insel. An vielen kleinen Seen und Gewässern vorbei. Mein Ziel: Ein Camping-Platz am nördlichen Teil der Insel Barra.

Erschöpft, aber glücklich bewundere ich den Sonnenuntergang. Mein Zeltplatz ist traumhaft gelegen. Bin nicht ganz alleine hier. Duschen, Zähne putzen und dann ab in den Schlafsack.
Tag 4

Am nächsten Morgen: Ich warte mit einem Cappuccino und meinem Flap-Jack auf die Fähre am nördlichen Hafen von Barra. Es geht auf die nächste Insel: Eriskay.

Eriskay begrüßt mich bei der Ankunft mit einem riesigen weißen Strand. Die Insel werde ich heute komplett durchqueren. Auf Eriskay gibt es eine eigene sehr seltende Pony-Rasse: Eriskay-Ponys. Gesehen habe ich keines. So selten sind sie.

Immer an der Küste entlang. Felsen, Wiesen und Strände. Wind, Wolken, Sonne.

Ich verlasse nun Eriskay und laufe über eine schier autofreie und kilometerlange Brücke zur nächsten Insel: Isle of South Uist.

Ankunft auf der Insel South Uist. Wie man schon am Schild erkennen kann: Die Hauptsprache auf den Äußeren Hebriden ist Schottisch-Gällisch, eine keltische Sprache, die tief in der Kultur verwurzelt ist. Englisch spricht man, Gott sei Dank, auch überall.

Stundenlang wandere ich nun am Strand entlang. Keine Menschenseele weit und breit. Nur Wind, Sonne und das Rauschen des Atlantiks.

Mutterseelenallein. Mein Zelt steht. Einsam und allein verbringe ich hier die Nacht. Es wird nur sehr spät dunkel auf den Äußeren Hebriden. Am Horizont meine ich, Wale zu sehen. Oder doch nicht? Wind- und Wellenrauschen begleiten mich in den Schlaf.
Tag 5

Ormacleit Castle: Hier lege ich eine längere Rast hin. Ormacleit Castle war einst das Heim des Clan Oberhauptes Allan Dearg McDonald of Clanranald. Es gab früher viele Clans in Schottland und auf den Äußeren Hebriden. Das Castle brannte 1715 nieder. Seither unbewohnt, stehen nur noch die Ruinen.

Howmore Youth Hostel. Jemand zu Hause? Ich betrete dieses schnuckelige Hostel und bin begeistert. Es ist gemütlich eingerichtet. Hier werde ich die Nacht verbringen. Alleine? Nein, doch nicht. Es kommen noch ein Radfahrer aus England, zwei schottische Wanderer und zwei schottische Studentinnen vorbei. Ein wenig Gesellschaft tut auch mal wieder gut.
Tag 6

Our Lady of the Isles. Hier mache ich nach vielen Kilometern eine Pause. Die heilige Madonna Lady of the Isles wacht über die Insel South-Uist. Dazu gibt es eine interessante Geschichte. Ihren strengen Blick richtet die Jungfrau in Richtung eines Raketentestgeländes der Britischen Streitkräfte in wenigen Kilometern Entfernung. Die Radargeräte und Militärfahrzeuge kann ich am Horizont sehen.

Viele Gebiete sind nur sehr schwer zu durchqueren. Es gibt jede Menge Moor und Heide. Ich stolpere ab und zu über bauschige Heidegewächse und Steine und sacke öfter auf moorigen Böden ein. Kein lustiges Unterfangen, wenn man mit 17 Kilogramm auf dem Rücken wandert und die Füße nass werden.

Da tut eine längere Rast zwischendurch ganz gut.

Ich erreiche den Camping-Platz auf der nächsten Insel: Benbecula. Ich bin platt und fühle mich gerädert. Die Füße voller Blasen, das angeschlagene Knie schmerzt und der Rücken ist verspannt. Morgen kann ich nicht laufen. No way. Ich beschließe, die nächste Etappe zu überspringen und mit dem Bus weiter zu fahren. Quer über Benbecula auf die nächste Insel: North Uist.
Tag 7

Auf der Insel North Uist gibt es einen sehr schönen und sauberen Zeltplatz. Heute mache ich mich mal ohne Rucksack auf den Weg. Es geht einigermaßen. Trotz Blasen und Knieschmerzen. Das Ziel meiner Tageswanderung: Die kleine Insel Grimsay, die über eine Brücke mit der Insel North Uist verbunden ist.

Grimsay: Die Insel umrunde ich. Sie ist klein und malerisch. Ich finde ein kleines Café mit sehr leckerem Cappuccino und selbst gebackenem Gebäck. Die Menschen leben hier ein einfaches , sehr zurück gezogenes und entspanntes Leben.
Tag 8 und Tag 9

Ich muss weiter aussetzen und fahre heute mit dem Bus quer durch North Uist auf die nächste Insel: Berneray. Hier bleibe ich zwei Nächte im Hostel. Die Schmerzen an den Füßen und Knie zwingen mich, zu pausieren. Hier treffe ich wieder nette Menschen.

Ich gönne mir eine kleine Auszeit auf Berneray. Kaffee trinken, Tourenplanung und die Seele baumeln lassen. Mein Körper muss sich ein wenig erholen. Trotzdem werde ich noch diese kleine Insel erkunden.

Auf meiner Erkundungstour entdecke ich diesen grandiosen, menschenleeren, kilometerlangen Sandstrand. Und soweit das Auge reicht: Türkis-blauer Atlantik mit kleinen vorgelagerten Inseln. Es ist das Paradies auf Erden.

Frieden und wahres Glück offenbart sich, wenn Du keinen weiteren Wunsch mehr hast.

Den höchsten Berg der Insel muss ich natürlich auch noch erklimmen. Der "Beinn Shleibhe" ist sage und schreibe 93 Meter über dem Meeresspiegel hoch. Von hier reicht der Blick sogar bis rüber zur 60 Kilometer entfernten Isle of Skye. Da war ich ja vergangenes Jahr.

Der Mann aus Glasgow: Steve hieß er. Er und seine Frau verbringen in diesem Hostel paar Tage Urlaub. Steve war mal als Britischer Soldat in Deutschland stationiert. Lange her. Er wirkt ein bisschen crazy. Ich kann ihn kaum verstehen mit seinem Glasgow-Dialekt. Da hilft mir mein Englisch auch nicht weiter. Paar Brocken Deutsch kann er aber auch.

Die Frau aus Glasgow: An ihren Namen kann ich ich nicht mehr erinnern. Sie ist super nett, pflegt und kümmert sich sogar um meine geschundenen Füße. Ihre Aussprache ist auch nicht besser, als die ihres Mannes Steve. Kaum zu verstehen.
Tag 10

Es geht heute mit der Fähre rüber auf zur Insel Harris. Mit dieser Insel hatte ich bereits vergangenes Jahr Bekanntschaft geschlossen. Allerdings mit weniger guten Erinnerungen: Sturm, Regen und Kälte. Heute: Sonne pur. Wie herrlich.

Noch so ein malerischer Strand: Horgabost Beach. Hier hatte ich bereits letztes Jahr notgedrungen bei stürmischen Wetter und schlechter Sicht mein Zelt aufgeschlagen und ausgeharrt. Diesmal präsentiert sich der Strand von seiner schönsten Seite mit strahlend blauem Himmel.

Nun, es musste eben mal sein. Also tauche ich ein in den Atlantik. Wassertemperatur ca. 10° Celsius. Das ist wahrlich erfrischend. Außentemperatur etwa 15° Celsius. Das geht.

Die Sonne geht unter. Ich schaue nochmal aus dem Zelt. Morgen wandere ich weiter.
Tag 11

Ich entferne mich von der Küste und werfe einen Blick zurück. Grandios. Allerdings wird es ab jetzt wieder richtig hart. Unwegsames Terrain und viele Stolperfallen. Dazu kommt: Ich verliere meinen Weg und laufe orientierungslos querfeldein einen hohen Berg hinauf. Teilweise auf allen Vieren kriechend. Dieser Umweg kostet mich unheimlich viel Kraft.

Wo geht's lang? Ich muss jetzt genau überlegen, in welche Richtung ich laufe. Ohne Handy Empfang und Navigation bin ich gerade aufgeschmissen. Jeder unnötige Schritt kostet mich extra Kraft. Und mein Wasser ist auch fast alle.

Richtung Tarbert. Das Wasser ist alle. Zum Glück auf diesen Bach gestoßen. Ich trinke und fülle meine Flasche auf. Und so geht's weiter: Ich laufe, laufe und laufe. Bin komplett durchgeschwitzt. Mein Ziel: Das Städtchen Tarbert werde ich nicht mehr schaffen heute. Da läuft mir doch tatsächlich eine junge Frau über den Weg: Sarah. Sie begleitet mich ein Stück und bietet mir an, mich mit ihrem Auto vom Parkplatz aus nach Tarbert mit zu nehmen. Da sage ich nicht nein. In Tarbert trinken wir noch gemeinsam einen Kaffee.
Tag 12

Nach meiner Übernachtung im Hostel in Tarbert schreite ich wieder frohen Mutes weiter. Ich erreiche die letzte und größte Insel der Äußeren Hebriden: Isle of Lewis. Im Hostel hatte ich übrigens noch einen jüngeren Rugby-Spieler aus England und Roger, einen älteren und zähen Engländer, kennen gelernt und mit ihnen am Vorabend ein Bier getrunken. Den Beiden werde ich unterwegs noch begegnen. Sie machen auch die Tour und sind heute vor mir gestartet.

Unterwegs, an einem Parkplatz, spricht mich dieser Einheimische, allerdings gebürtiger Australier, an. Er stellt mir neugierig Fragen und ist begeistert von meinem Vorhaben, den Hebridean Way zu wandern. Scherzend meint er: Ich sei der erste Deutsche, der diese Tour läuft. Oder war es gar kein Scherz?

Eher selten laufe ich ein längeres Stück über Asphalt. Autos? Fehlanzeige.

Weit abseits. Der Tag war lang, anstrengend und heute eher bewölkt. Mein Zelt steht. Ringsherum: Nichts. Nur Moor und Heidegräser, ein kleiner Bach, Stille und kein Handy-Empfang. Ab und zu ertönt ein seltsamer Vogelpfiff, der die Stille durchbricht.
Tag 13

Immer weiter. Mein Körper hat sich an die Strapazen gewöhnt. Meine Gedanken sind auf mein Endziel am morgigen Tag gerichtet: Die Stadt Stornoway, die größte der Hebriden und offizieller Endpunkt des Hebridean Walking Ways.

Frieden, Glück und Ehrfurcht erfüllen mich, wenn ich über diese wilde ursprüngliche Landschaft schaue. Und Dankbarkeit auch gegenüber den netten Menschen, die ich auf meiner Wanderung getroffen habe. Meine Vorräte an Wasser und Snacks sind aufgebraucht. Ein französisches Pärchen mit Wohnmobil, welches ich noch unterwegs treffe, spendieren mir Wasser, Obst, Käse und Brot. Danke!

Haus statt Zelt. Ich suche am Abend noch einen geeigneten Platz zum Zelten und entdecke dabei diese einsame und verlassene Bruchbude. Ich entschließe kurzerhand, hier einzuziehen.

Vom Wind geschützt. Draußen weht ein kühler Wind, den ich hier drinnen nur höre und nicht zu spüren bekomme. Es riecht nach Holz und altem vergammelten Teppich. Hier scheint, schon ewig niemand mehr gewesen zu sein.

Noch ein Blick aus dem Fenster. Meinem Blick aus der Bruchbude offenbart sich ein traumhafter Ausblick. Weites unbewohntes Land und die untergehende Sonne. Ich lausche dem Wind und schlafe ein.
Tag 14

Die letzte Etappe. Es tut zwar alles weh, aber ich fühle mich beflügelt, voller Stolz und schreite voran. Heute viel Asphalt und weite Ebenen.

Torf ist in Schottland allgegenwärtig. Und so laufe ich über Torf-Böden. Torf ist vor allem durch seine entscheidende Rolle in der Whisky-Herstellung bekannt. Es gibt dem Whisky den charakteristischen rauchigen Geschmack.

Weite, wohin der Blick schweift. Vereinzelt stehende Hütten bieten einen Kontrast zu den eintönigen Weiten.

Ziel erreicht. 10 Tage und 206 Kilometer gewandert.

Nach 10 Tagen endlich wieder was Richtiges essen. Mahlzeit.

Stornoway. Hier verbringe ich zwei Nächte im Hostel, erhole mich und wasche meine Wäsche. Roger, der ältere Engländer und den jüngeren Rugby-Spieler treffe ich auch wieder. Mit Roger gehe ich später noch ein Bier trinken. Ich laufe wie auf Messers Schneide. Die Füße voller Blasen. Übermorgen fährt meine Fähre zurück aufs schottische Festland.
Tag 15

Heute einen Ausflug zum nördlichsten Punkt der Äußeren Hebriden gemacht: Butt of Lewis. Dieser Ort steht sogar als windreichster Punkt Großbritanniens im Buch der Rekorde. Ja, windig ist es auf jeden Fall hier. Und weit da draußen kommt dann nur noch irgendwann Nord-Amerika und Grönland. Atlantik, soweit das Auge reicht.
Tag 16

Zurück in Edinburgh. Jede Reise geht auch mal zu Ende. Nach meiner stundenlangen Rückreise mit der Fähre und dem Fernbus über die Highlands und einem Zwischenstop in Inverness, sitze ich wieder da, wo alles begann. Im Hostel mitten in der City von Edinburgh. Und Morgen fliege ich zurück nach Deutschland.
Meine Reisezeit
Anfang-Mitte Mai 2025
Du möchtest mehr über die Tour wissen, dann kontaktiere mich gerne. Alle Tourdaten, mit Wegbeschreibung und Streckenlänge, findest Du auf meinem Komoot-Account: Ralph on Tour.




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