Am Watzmann: Drei Tage zwischen Schweiß, Nebel, Fels und Königssee.
Tag 1

Nach rund fünf Stunden Autofahrt erreichen wir Ramsau bei Berchtesgaden. Von hier starten wir 4: Patrick, Thomas, Sebastian und ich unsere Watzmann-Tour, von Thomas augenzwinkernd die Scharfen Burschen aus Bad Nauheim getauft.
Los geht's am Parkplatz an der Wimbachklamm. Die Sonne scheint, die Stimmung ist top – und dann zeigt der Watzmann direkt, wer hier das Sagen hat.
Vom ersten Schritt an geht es nur bergauf. Rund 1.290 Höhenmeter warten bis zum Watzmannhaus, und bereits die ersten drei Kilometer haben es richtig in sich. Der Puls schießt auf 150 bis 180 bpm, der Schweiß läuft über Stirn und Rücken, und spätestens jetzt merken wir: Das hier wird keine gemütliche Sonntagswanderung.

Zwischen Schnaufen, kurzen Trinkpausen und den ersten lockeren Sprüchen kämpfen wir uns Meter für Meter nach oben – immer mit dem Watzmannhaus als Ziel vor Augen.

Endlich geschafft: Das Watzmannhaus auf 1.930 Metern ist nach knapp 4 Stunden erreicht. Der Blick über die Berchtesgadener Alpen ist mittlerweile durch Wolken eingeschränkt.
Mit Rucksack und Hüttenschlafsack beziehen wir unser gemütliches Vierbettzimmer – unser Zuhause für die nächsten zwei Nächte. Kaum ist das Gepäck in der Ecke gelandet, knurrt der Magen. Die Wahl fällt auf Kaiserschmarrn und Linseneintopf – genau das Richtige nach dem schweißtreibenden Aufstieg.
In der Hütte herrscht ordentlich Betrieb. Überall sitzen Wanderer, erzählen von ihren Touren oder studieren noch einmal die Wettervorhersage für den nächsten Morgen. Man spürt: Viele haben dasselbe Ziel wie wir.
Bevor das Licht ausgeht, gibt jeder von uns noch eine Runde Berchtesgadener Hofbräu aus. Irgendwie schafft es jeder von uns, noch zwei Liter Bier "abzupumpen". Ob das die perfekte Vorbereitung auf den Watzmanngrat ist, darüber lässt sich streiten – aber die Stimmung ist jedenfalls bestens.
Na denn: Gute Nacht! Morgen klingelt der Wecker bereits um 06:00 Uhr. Dann wartet der große Tag – das Hocheck und der Watzmanngrat.
Tag 2:

06:00 Uhr. Der Wecker reißt uns aus den Federn. Nach der „optimalen“ Vorbereitung vom Vorabend – zwei Liter Berchtesgadener Hofbräu pro Mann – fühlt sich das Aufstehen überraschend erträglich an.
Ein Blick aus dem Fenster des Watzmannhauses verspricht allerdings nichts Gutes: Nebel hängt über dem Berg, es ist kalt und ein feiner Regenschauer zieht vorbei. Der Watzmann zeigt heute sein anderes Gesicht.
Unser Plan ist trotzdem klar: zuerst aufs Hocheck (2.651 m), dann über den berühmten Watzmanngrat zur Mittelspitze (2.713 m), weiter zur Südspitze (2.712m) – und anschließend über dieselbe Route wieder zurück.
Diese Tour gilt selbst bei Sonnenschein als eine der anspruchsvollsten Bergtouren Deutschlands. Ausgesetzte Gratpassagen, Kletterstellen und mehrere hundert Meter tiefe Abgründe verlangen absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Und wir?
Nun ja... wir sind schließlich die Scharfen Burschen aus Bad Nauheim. Ob das als alpine Qualifikation durchgeht, wird sich gleich zeigen.
Mit ordentlich Respekt vor dem Berg machen wir uns auf den Weg. Der Pfad steigt sofort steil an. Nasses Geröll rutscht unter den Schuhen weg, die Felsen sind schmierig und der Nebel verschluckt alles, was weiter als ein paar Dutzend Meter entfernt liegt. Jeder Schritt will bewusst gesetzt werden.
Meter für Meter arbeiten wir uns nach oben. Gespräche werden seltener – dafür hört man nur noch das Atmen, das Klacken der Trekkingstöcke auf dem Fels und hin und wieder ein trockenes „Alles gut?“ aus der Gruppe.
Nach rund drei Kilometern, fast 790 Höhenmetern und gut zweieinhalb Stunden erreichen wir schließlich das Hocheck. Der erste Gipfel ist geschafft – doch wir wissen alle: Der eigentliche Watzmann beginnt erst jetzt.

Also geht's weiter. Nach ein paar weiteren rutschigen Metern erreichen wir den Einstieg zum berühmten Watzmanngrat.

Hier stehen bereits mehrere andere Bergsteiger. Normalerweise beginnt von hier aus die spektakuläre Gratüberschreitung über Mittel- und Südspitze. Heute sieht es allerdings ganz anders aus. Der Nebel ist dicht, der Fels klatschnass und der Wind pfeift über den Grat. Von den nächsten Kletterstellen ist kaum etwas zu erkennen.
Man merkt sofort: Hier oben geht es nicht mehr darum, wer besonders mutig ist. Es geht darum, vernünftig zu sein.
Nach ein paar Gesprächen mit den anderen Bergsteigern ist die Entscheidung schnell gefallen. Alle sind sich einig: Heute geht's hier nicht weiter. Der Watzmann läuft nicht weg – aber wir möchten heil wieder nach Hause kommen.
Also werden erst einmal Riegel ausgepackt, Studentenfutter geteilt und die Elektrolyte geleert. Zwischen ein paar lockeren Sprüchen und einem letzten Blick in den Nebel sammeln wir Kraft.
Dann heißt es: Rucksäcke schultern, Konzentration hochfahren und den steilen, rutschigen Abstieg zurück zum Watzmannhaus antreten. Bergab ist heute mindestens genauso viel Aufmerksamkeit gefragt wie bergauf.

Mittlerweile wird der Untergrund zum Glück wieder etwas griffiger. Mit jedem Höhenmeter bergab verschwindet der Regen, der Nebel reißt stellenweise auf und sogar die Sonne lässt sich kurz blicken. Die Anspannung fällt langsam ab, und wir kommen deutlich entspannter voran als noch auf dem Hinweg.
Auf dem Rückweg begegnen wir plötzlich einer ganzen Kolonne Gebirgsjäger der Bundeswehr. Sie steigen vom Tal aus im Rahmen eines Leistungsmarsches Richtung Hocheck auf – mit schwerem Gepäck.
Für Thomas ist das wie eine kleine Zeitreise. Als ehemaliger Zeitsoldat kommt er sofort mit den Gebirgsjägern ins Gespräch. Innerhalb weniger Minuten wird gefachsimpelt, gelacht und in Erinnerungen an die „guten alten Bundeswehrzeiten“ geschwelgt.
Während Thomas seinen Veteranenmodus aktiviert, nutzen wir anderen die kurze Pause zum Durchschnaufen. Dann setzen wir uns wieder in Bewegung – mit deutlich besserem Wetter, lockerer Stimmung und dem guten Gefühl, heute die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Nach gut zwei Stunden Abstieg ist es schließlich geschafft: Das Watzmannhaus taucht wieder vor uns auf. Mit ein paar kleineren Ausrutschern auf dem Gestein – aber zum Glück ohne größere Stürze – erreichen wir die Hütte gesund, erschöpft und ziemlich erleichtert.
Die Anspannung des Vormittags fällt schlagartig ab. Auch wenn wir die Südspitze heute nicht erreicht haben, fühlt es sich trotzdem wie ein Erfolg an. Am Berg zählt eben nicht nur der Gipfel, sondern auch die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit.
Wir sitzen am Ende des Tages wieder wohlbehalten auf 1.930 Metern – mit müden Beinen, jeder Menge Geschichten im Gepäck und einem ordentlichen Respekt vor dem Watzmann, der uns heute gezeigt hat, dass er sich seine Gipfel nicht schenken lässt.

Tag 3

06:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Doch heute fühlt sich alles anders an.
Ein Blick aus dem Fenster genügt: strahlend blauer Himmel, kristallklare Sicht und eine wunderschöne aufgehende Sonne, die die Gipfel der Berchtesgadener Alpen in goldenes Licht taucht. Nach dem grauen Vortag wirkt es fast so, als wolle sich der Watzmann noch einmal von seiner schönsten Seite verabschieden.

Eigentlich wollten wir denselben Weg zurück ins Tal nehmen, den wir zwei Tage zuvor hinaufgestiegen waren. Doch bei diesem Traumwetter fällt eine spontane Entscheidung: Wir wählen die deutlich spektakulärere Route über den Rinnkendlsteig hinunter nach St. Bartholomä am Königssee.

Schon beim Loslaufen merken wir, dass dieser Abstieg etwas Besonderes wird. Statt denselben Serpentinen wie beim Aufstieg zu folgen, führt uns der Weg immer weiter in Richtung steiler Felswände und eröffnet beeindruckende Ausblicke auf den tiefblauen Königssee, der weit unter uns zwischen den Bergen glitzert.
Doch dann wird es wieder richtig herausfordernd. Der Rinnkendlsteig ist zweifellos einer der schönsten Wege der Tour – gleichzeitig aber auch einer, den man mit größtem Respekt angehen sollte.
Immer wieder führen schmale Passagen direkt an steilen Felswänden entlang. Links geht es teils hunderte Meter hinunter Richtung Königssee, rechts ragt der Fels auf. An mehreren Stellen helfen Stahlseile beim Klettern und Absteigen. Hier ist absolute Trittsicherheit gefragt – und Schwindelfreiheit sowieso.
Genau hier kommen Sebastian und ich an unsere Grenzen. Jeder Blick nach unten löst ein mulmiges Gefühl aus. Also heißt es: tief durchatmen, Blick nach vorne, eine Hand ans Stahlseil und Schritt für Schritt weiter. Patrick und Thomas wirken entspannter.

Mit jedem gemeisterten Abschnitt wächst das Vertrauen, und irgendwann merken wir: Die Angst ist zwar noch da, aber es läuft.

Und dann kommt dieser Moment, den wir wohl alle so schnell nicht vergessen werden. Tief unter uns zeigt sich der Königssee in seiner ganzen Pracht. Türkisblau schimmert das Wasser zwischen den steilen Felswänden.
In der Ferne entdecken wir schließlich auch unser Ziel: St. Bartholomä mit seiner markanten Kirche direkt am Seeufer. Auf einmal wirkt das Ziel greifbar. Der Anblick gibt uns noch einmal einen richtigen Motivationsschub.
Also geht es weiter – Schritt für Schritt, Serpentine für Serpentine – hinab ins Tal. Mit jedem Meter wird der Königssee größer, die Luft wärmer und die Vorfreude auf das Ende unserer Tour spürbarer. Nach drei intensiven Tagen fühlt sich dieser Abstieg wie die perfekte Belohnung an.


Doch der Anblick täuscht ein wenig. Obwohl St. Bartholomä schon die ganze Zeit vor unseren Augen liegt, dauert es deutlich länger als gedacht. Der Weg zieht sich, die Beine werden schwer und hinter jeder Kurve hoffen wir, endlich unten zu sein – nur um festzustellen, dass noch ein gutes Stück vor uns liegt.
Schließlich tauchen wir in einen schattigen Wald ein. Langsam spüren wir, dass das Ende unserer Tour wirklich näher rückt. Dann erreichen wir das Ufer des Königssees. Das türkisblaue Wasser liegt glasklar neben uns, die Felswände spiegeln sich auf der Oberfläche, und die letzten Meter laufen sich plötzlich viel leichter. Nach drei Tagen voller Schweiß, Nebel, Nervenkitzel und grandioser Ausblicke führen uns die letzten Schritte direkt am See entlang – bis wir schließlich St. Bartholomä erreichen.

Ziel erreicht: Sankt Bartholomä. Nach über 5 Stunden und 9 Km auf schmalen Steigen, zwischen Felswänden und Serpentinen sind wir wieder mitten unter Menschen. Rund um die berühmte Wallfahrtskirche herrscht reges Treiben. Tagestouristen schlendern über den Platz -besonders viele japanische und chinesische Besucher genießen genauso wie wir den Blick auf den Königssee.
Für uns gibt es jetzt aber nur noch ein einziges Ziel: den Biergarten.
Ohne lange zu überlegen steuern wir schnurstracks den ersten freien Tisch an. Nach drei Tagen voller Schweiß, Muskelkater, Nebel, Nervenkitzel und unvergesslicher Ausblicke haben wir uns die Abschlussrunde mehr als verdient.
Mit dem kühlen Bier in der Hand stoßen wir auf unsere Tour an – auf die richtige Entscheidung am Watzmanngrat, auf den spektakulären Rinnkendlsteig und darauf, dass wir alle gesund wieder unten angekommen sind.


Kurz darauf heißt es ein letztes Mal Rucksack schultern. Mit dem Schiff gleiten wir über den Königssee nach Schönau. Während der Schifffahrt sind wir uns einig: Der Watzmann hat uns zwar die Südspitze verwehrt – aber er hat uns drei Tage geschenkt, die wir so schnell nicht vergessen werden.
Bis zum nächsten Berg.
Reisezeit: September 2026





Kommentare